[*.txt]-Worte 11 bis 17

Mitternacht naht mit großen Schritten, Silvester ist heute. Dennoch möchte ich es mir nicht nehmen lassen, die letzten verbliebenen Worte aus Dominik`s *.txt-Projekt zu einer Geschichte zu verbinden und somit dieses Jahr abzuschließen.

Folgende 7 Worte standen bei mir noch aus: Rausch, Schwermut, verstehen, Gewissen, Tanz, Distanz, ruhig

Und hier ist mein kleines Abschlusswerk aus diesen 7 *.txt-Worten. Ich hoffe, es gefällt euch:

Jake geleitete mich zu seinem schwarzen Peugeot, der vor unserem Haus parkte. Gentlemanlike öffnete er mir die Beifahrertür und eilte anschließend um den Wagen herum, um selbst einzusteigen. Er war schnell. Verdammt schnell für einen Menschen. Skeptisch betrachtete ich ihn aus meinen Augenwinkeln. Heimlich, so hoffte ich. Ich wollte endlich verstehen, wer er war. Doch diese Distanz zwischen uns war noch immer greifbar, obwohl wir uns schon ein wenig angenähert hatten. Wer war Jake?

Jake startete den Motor, das Radio sprang an und es dröhnten lautstarke Klänge von Motörhead aus den Lautsprechern. Meine Hand suchte den Lautstärkeregler, doch Jake war etwas schneller, so dass sich unsere Hände berührten. Seine Hand war jetzt eiskalt. Ich schrak zurück und betrachtete ihn eingehend. Erneut streckte ich meine Hand aus, um diesmal die Heizung hochzudrehen, doch Jake winkte ab. Er wechselte den Radiosender und reduzierte die Lautstärke, so dass ich mich in den Beifahrersitz gleiten ließ und zusah, wie die Stadt im Eiltempo an uns vorüber zog bis Jake vor einer leicht herunter gekommenen Discothek, die sich in einer Hafengegend befand, parkte. Es war erstaunlich ruhig hier, ich hatte eher mit Rockerbanden, Betrunkenen und schweren Maschinen von Hafenarbeitern und Schiffgeräuschen gerechnet. Jake lächelte wieder dieses Lächeln, welches mich immer wieder aufs Neue zum Schmelzen brachte und lotste mich in die Discothek, die übervoll war. Dennoch konnten wir einen Platz an der Bar ergattern, so dass ich mich auf einen der Barhocker niederließ und den Blick durch den Raum schweifen ließ. Die Anwesenden waren in die schrillsten Klamotten gekleidet, die ich je gesehen hatte. Auch die Musik war etwas ungewöhnlich, dennoch hatte sie etwas an sich, das mich auf die Tanzfläche zog und ich mich zu den rhythmischen Klängen ausgelassen bewegte und tanzte. Es war berauschend und beglückend zugleich, sich mit dieser Musik zwischen all den unbekannten Tänzern zu wiegen und seine Seele ohne schlechtes Gewissen dahin gleiten zu lassen. Zumindest im Hier und Jetzt, für diesen Moment. Doch irgendwann musste ich zurück. Zurück in meine wahre, echte, harte und traurige Realität. Zurück in mein Leben. In jenes Leben, welches durch einen düsteren Fluch zerstört und meine Eltern getötet wurden.

Abrupt hielt ich mitten in meinen tanzenden Bewegungen inne, war wie erstarrt, konnte mich nicht mehr bewegen, weder im Geiste noch körperlich. Ich stand einfach nur da und starrte auf meine düstere Vergangenheit zurück. Auf den Augenblick, als ich nach Hause kam, die offen stehende Haustür erblickte und in unser Haus stürmte, nach meinen Eltern rief, wild hin und her stürzte und sie letztendlich ermordet in ihrer eigenen Blutlache in der Küche auf dem kalten Fließenboden vorfand. Ihre Gliedmaßen waren teils verdreht, ihre Augen starrten wie grausige Mahnmale anklagend in die Luft, als würden sie schreien:

„Du bist Schuld! DU BIST SCHULD!“

Irgendwer rempelte mich an, ich bekam es kaum mit. Gleich darauf zerrte mich jemand anderes an meinem Arm von der Tanzfläche und riss mich damit aus meiner schrecklichen Erinnerung, hinein in den Lärm der Musik, der lachenden und tanzenden Discothekengäste, hinein in eine Welt, die nicht mehr meine war. Tränen brannten in meinen Augen und bahnten sich einen Weg über meine vom Tanzen erhitzten Wangen ehe ich mich von Jake losriss, mir einen Weg durch die wogenden Tänzer machte und hinaus stürzte. Kaum schlug mir die kalte Nachtluft entgegen, die meine Wangen kühlte, übergab ich mich auch schon. Ich kotzte mir regelrecht die Seele aus dem Leib und heulte nebenbei, was sich für umstehende Raucher anhören musste, als würde ein Tier Höllenqualen erleben. Ehe ich endgültig zusammenbrach, hatte mich Jake mit seinen starken Armen aufgefangen und zu seinem Peugeot getragen und auf den Beifahrersitz gesetzt. Ich bekam gar nicht mehr mit, wie er mich anschnallte oder wohin wir fuhren. Ich war wie gelähmt und abwesend.

trennlinie-300x37Ich werde auch im kommenden Jahr wieder an Dominik`s Schreibprojekt teilnehmen, diesmal hoffentlich auch wieder regelmäßiger 🙂

 

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