[*.txt] Wünschen

wc3bcnschentxt1Der Flaschengeist

Es läutete an der Tür.

Schwere langsame Schritte, die sich der Tür näherten waren zu hören.

Danach folgte ein leises Quietschen und Knarren als die Tür geöffnet wurde und ein kleiner Junge, der davor stand und seine Großmutter freudig begrüßte mit:

“Hi Grandma! Darf ich zu Grandpa?”

“Natürlich, komm rein, mein Junge! Großvater ist im Wohnzimmer.”

Wieder waren Schritte zu hören. Diesmal schneller und heller im Klang. Gleich darauf wurde die Wohnzimmertür eilig geöffnet und der Klang einer Kinderstimme erhellte den Raum.

„Großvater, Großvater! Morgen ist dein Geburtstag! Was wünschst du dir denn da?“

Der Großvater sah von seinem Buch auf und blickte seinen Enkel an. Er wirkte freundlich und ruhig, während sein Enkel aufgeregt und euphorisch war.

Der Großvater setzte seine Brille ab, klappte sein Buch zu und legte es bei Seite auf den Beistelltisch ehe er antwortete:

„Wünsche gibt es viele, Jonas. Es gibt aber auch Wünsche, die sich nicht so leicht bzw. gar nicht erfüllen lassen.”

“Welche Wünsche sind das, Grandpa?”

“Das wären z. B. Gesundheit, Jugend, Schönheit, Liebe, aber auch Reichtum, Macht & Einfluss, Frieden etc. Manche Wünsche kann man sich nur selbst erfüllen, in dem man sehr ehrgeizig ist, viel lernt und auch anderen hilft. Andere Wünsche hingegen … “

Die Gedanken des Großvaters trieben davon, genauso wie sein Blick. Doch Jonas stupste seinen Großvater an und fragte neugierig:

“Woran denkst du gerade, Grandpa?”

Der alte Mann setzte sich aufrecht in seinen Sessel und fragte:

“Mir fällt soeben eine passende Geschichte zu diesem Thema ein, die mir mein Großvater erzählt hatte. Möchtest du sie hören?“

“Ja, oh ja!”

Neugierig setzte sich Jonas auf den Sessel, der dem des Großvaters genau gegenüberstand, und heftete seine Augen auf die Lippen seines Großvaters, um jedes einzelne Wort in sich aufzunehmen und kein Einziges zu verpassen. Der Großvater räusperte sich und begann zu erzählen:

“Es war einmal ein Flaschengeist, der über 500 Jahre in einer Flasche lebte und die Wünsche der Menschen erfüllen musste. Der Flaschengeist hieß Cyrus und wurde durch einen Fluch eines bösen Hexenmeisters zu diesem Leben verwünscht, weil er sich in die Tochter Bellandra des Fürsten Sarofan verliebt hatte und Bellandra sich in ihn. Doch der Hexenmeister begehrte Bellandra ebenfalls und umwarb sie mit seinen magischen Mitteln. Um den unliebsamen  Konkurrenten Cyrus loszuwerden, sprach der böse Hexenmeister jedoch einen unheimlichen Fluch aus und verbannte so Cyrus in eine Flasche, die er nur dann verlassen konnte, wenn jemand sie fand und an ihr rieb. Dann erschien Cyrus als Flaschengeist und sprach zu seinem neuen Gebieter oder seiner neuen Gebieterin:

“Wähle deine Wünsche drei weise, klug und mit Bedacht und bedenke auch die Konsequenzen, die mit jedem Wunsch einhergehen.”

Er sprach diese Worteim Laufe der Jahrhunderte wie ein Mantra, welches er verinnerlicht hatte und die Hoffnung aufgab, jemals aus der Flasche befreit zu werden und seine Bellandra jemals wieder zu sehen. So war Cyrus der magische Diener von Dieben und Räubern, habgierigen Banditen, Piraten und armen Bettlersleuten, eines Magiers und einer bösen Hexe, einer bösen Königin und eines Mädchens, welches unsterblich in einen Jungen verliebt war. Doch keiner von all diesen zu erfüllenden Wünschen wurde wirklich weise und überlegt gewählt, so dass die Betroffenen mit den Konsequenzen leben mussten. So wurde z. B. der Liebeswunsch des Mädchens zu einem Fluch, der sie für immer verfolgte und sie mit ihren Liebsten nie zusammen sein konnte, weil alle anderen Männer sie besitzen wollten. Banditen und Piraten starben aus Habgier an ihrem riesigen Schatz mal wegen des Gewichtes, mal aus Habgier und Rachsucht eines anderen, und auch die böse Hexe hatte mit ihrem Wunsch nach noch mehr Macht keine gute Wahl getroffen. Denn sie hatte durch diesen einen Wunsch so viel Macht und Energie angezogen, dass sie letztendlich explodierte.

Doch jedes Mal, wenn die drei Wünsche ausgesprochen und von Cyrus erfüllt wurden, verschwand Cyrus danach wieder in seiner Flasche und die Flasche löste sich auf magische Weise an Ort und Stelle auf bis sie irgendwo von irgendwem wieder gefunden wurde und das Ganze wieder von vorn begann.

Cyrus war in all dieser Zeit über all die Jahrhunderte sehr sehr einsam. Er hätte sich gern auf die Suche nach seiner großen Liebe Bellandra gemacht, doch er wusste um die verlorene jahrhundertelange Zeit und wusste, dass sie nicht mehr leben würde. Dennoch gab er die Hoffnung nie auf, irgendwann wieder mit ihr vereint zu sein. Aber die Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte strichen vorbei, während Cyrus die Menschen um sich herum altern und sterben sah. Er hingegen alterte nie, weil er an den Fluch als Flaschengeist gebunden und in der Flasche gefangen und somit unsterblich war.

Eines Tages wurde Cyrus wieder einmal aus seiner Flasche herbeigewünscht und traf auf einen gierigen Mann namens Baldini, der sich von Cyrus von Gold und Edelsteinen überhäufen ließ und die goldene Stadt finden wollte. Denn dort sollte es noch viel mehr Gold, Silber und Edelsteine geben, die er nie hätte davontragen können. Cyrus wusste, von welcher Stadt gesprochen wurde und brachte seinen Gebieter auf einem fliegenden Teppich zu dieser Stadt. Doch um die verzauberten Tore der versteckten goldenen Stadt zu öffnen, war Cyrus nicht mächtig genug. So musste Baldini sich widerwillig ein paar Leute aus einem nahegelegenen Dorf engagieren, die ihm mit Werkzeug und Sprengstoff die Tore öffnen sollten. Unter den Arbeitern war auch der Vater einer jungen Frau, die Cyrus den Atem stockte. Denn diese Frau sah seiner geliebten Bellandra so unglaublich ähnlich, dass er anfangs daran zweifelte, dass sie keine Halluzination war, sondern leibhaftig vor ihm stand. Isobel, so hieß sie, begleitete ihren Vater und dessen Männer, die von Baldini angestellt wurden. Sie sollte für Essen und Trinken sorgen, während die Männer versuchten, die Tore zur goldenen Stadt zu sprengen. Es dauerte Tage und Wochen, doch die Tore blieben geschlossen. Isobel und Cyrus kamen sich in dieser Zeit näher und Cyrus erfuhr, dass Isobel die Urururururururenkelin von Bellandra war und die Geschichte von Cyrus und ihrer Vorfahrin Bellandra sowie dem bösen Hexenmeister als Gute-Nacht-Geschichte von ihrer Mutter, die es wiederum von ihrer Mutter und die von deren Mutter usw. erzählt bekommen hatte. Isobel konnte gar nicht glauben, dass Cyrus noch lebte und erzählte ihm, wie es ihrer Urururururururgroßmutter seit Cyrus` Verschwinden ergangen war. Bellandra wusste nicht, dass Cyrus in eine Flasche verbannt wurde und weinte sehr um ihn. Sie vermisste Cyrus so sehr, dass sie kaum mehr etwas aß, nicht mehr lachte und sich eines Nachts heimlich aus dem Schloss ihres Vaters, dem Fürsten von Sarofan, schlich und sich auf die Suche nach Cyrus gemacht hatte. Der Fürst wollte seine geliebte Tochter jedoch zurück und schickte seine Männer los, um sie zu suchen und zurück zu bringen. Bellandra aber lief immer weiter davon und suchte überall nach Cyrus, doch sie fand ihn nirgends. In einem Wald brach sie schließlich nach vielen Monaten weinend vor Sehnsucht und Schmerz zusammen und verfiel in einen tiefen unruhigen Schlaf bis ein junger Jäger sie fand und sie behutsam mit sich nach Hause nahm. Sie blieb bei ihm und sie heirateten später auch, gründeten eine Familie und hatten ein schönes Heim. Doch tief in ihrem Herzen vergaß sie ihre erste große Liebe Cyrus nie…

Als Cyrus das Ende von Bellandras Geschichte hörte, rannen ihm Tränen über die Wangen. Er vermisste seine Bellandra und war so verzweifelt, weil er damals nicht zu ihr kommen konnte. Isobel streckte daraufhin ihre Hand aus und berührte seine Tränen benetzte Wange ganz sanft:

“Sie war glücklich mit meinem Urururururururgroßvater, Cyrus. Auch, wenn sie dich sehr vermisst hat. Aber sie hatte ein gutes und zufriedenes Leben… sonst wäre ich jetzt auch nicht hier.”

Isobel lächelte Cyrus liebevoll an, so dass auch Cyrus lächelte und zum ersten Mal seit langer Zeit so etwas wie Glück empfand.

Baldini hingegen wurde immer unruhiger, aggressiver und rasender vor Wut je länger es dauerte die Tore zur goldenen Stadt zu öffnen. Er versuchte sogar, Cyrus zu erwürgen, doch dieser konnte nicht sterben, weil er ein Flaschengeist war. Baldini war deshalb so dermaßen außer sich vor Wut, dass er schrie:

“Ich verfluche dich, Flaschengeist! Du bist deiner magischen Kräfte nicht würdig, sie sollen von nun an MIR allein gehören!”

Plötzlich lösten sich Cyrus` Handfesseln, mit denen er an die Flasche gebunden war, in Luft auf und Cyrus stand als echter Mensch mit beiden Füßen auf der Erde. Doch was sein Gebieter Baldini mit seinem habgierigen Wunsch nicht bedacht hatte, war, dass nun er die Handfesseln trug und als neuer Flaschengeist in die Flasche verbannt wurde…

Cyrus konnte sein Glück kaum fassen und strahlte, hüpfte und sprang vor Freude umher, tanzte mit Isobel und sang dazu ein uraltes Lied… “

Der Großvater legte eine kurze Pause ein und trank einen Schluck Wasser. Sein Enkel Jonas, der noch immer wie gebannt von der Geschichte auf dem Sessel dem Großvater gegenüber saß und ihn mit großen Augen anstarrte, fragte:

“Was ist aus Baldini geworden?”

Der Großvater tätschelte sanft den Kopf des Jungen und antwortete:

„Das mein Lieber, ist eine ganz andere Geschichte. Ich erzähle sie dir beim nächsten Mal.”

“Versprochen?”

“Versprochen, Jonas.”

“Und was wünschst du dir nun morgen zu deinem Geburtstag?”, hakte Jonas neugierig nach.

“Nichts, denn ich habe bereits alles.”

Jonas sah seinen Großvater fragend an.

“Wie meinst du das, Grandpa?”

“Ganz einfach: Ich habe alles, was man sich in meinem Alter wünschen kann. Ich habe eine liebevolle Ehefrau, ein wunderschönes Haus, eine tolle Katze, deine wundervolle Mutter und dich, mein lieber Jonas. Mehr brauche ich nicht, um glücklich zu sein und jetzt lass uns Oma`s leckeren Kuchen essen!“

 

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